Warum es wichtig ist, ob wir „Flüchtling“ oder „Refugee“ sagen

Foto von Christopher Glanzl

Das Wort Flüchtling ist seit Monaten in aller Munde—sowohl im Munde kompetenter Sprachteilnehmer als auch leider (um das Wort gleich mal überzustrapazieren) im Munde zahlreicher Intelligenzflüchtlinge. Flüchtling findet sich also in den unterschiedlichsten Zusammenhängen. Dabei fällt auf, dass vor allem Poster in sozialen Medien immer öfter auf (vermeintliche) Synonyme wie Geflüchtete oder Refugees zurückgreifen, was auf eine negative Färbung des Wortes Flüchtling hindeuten könnte.

Aber was ist es, das diesen Begriff abwertend erscheinen lässt? Welche politischen Machtstrukturen verstecken sich möglicherweise hinter der ungefilterten alltagssprachlichen Auseinandersetzung mit Flucht und flüchtenden Menschen? Oder ist das alles bloß Sprachparanoia?


Flucht als Identität

Sprache und ihre Bedeutungen verändern sich mit der Zeit. Mag sein, dass Flüchtling vor einigen Jahren oder auch Monaten ein ganz neutraler Begriff war—heute ist das nicht mehr ganz so einfach. Immer mehr Menschen greifen zu anderen Begriffen und auch der Sächsische Flüchtlingsrat rät auf seiner Homepage vom Gebrauch des Wortes Flüchtling ab: „Der Begriff ‚Flüchtling‘ wird von einigen Initiativen kritisiert. Hinter der Versachlichung, die durch das Suffix ‚-ling‘ entsteht, verschwinden persönliche Hintergründe von Personen, Bildungs- und Berufsgeschichten, persönliche Interessen und politische Meinungen. Daher ist es angebrachter, von ‚geflüchteten oder geflohenen Menschen‘ zu sprechen.“

Gleichzeitig trägt der Flüchtlingsrat aber das Wort, das anscheinend unangemessen ist, selber im Namen. Das zeigt uns schon, wie vielfältig die Wahrnehmung und Verwendungen des Begriffs eigentlich sind.

Das Suffix –ling ist anscheinend generell ein Schlingel-ling: Seine Funktion ist nämlich, dass es der von ihm bezeichneten Gruppe eine bestimmte dauerhafte Eigenschaft zuschreibt, in unserem Fall: flüchten. Was macht Flüchtlinge zu Flüchtlingen? Klar, die Flucht. Das bedeutet, dass mit dem Wort eine Typisierung passiert, die man nicht so schnell wieder ablegen kann.

Das Problematische an dieser Typologie ist, dass sie sich auf eine Handlung bezieht, und zwar auf das Flüchten, und nicht auf einen Zustand. Eine Handlung ist eigentlich immer zeitlich begrenzt; der „Flüchtling“ heißt bei uns aber auch dann immer noch so, wenn die Flucht vorbei ist. Damit wird die Vergangenheit zum Identitätsmerkmal, das man nicht ablegen kann.

Flüchtling als Verniedlichung

Was man bei dem Begriff Flüchtling auch unbedingt bedenken sollte, ist die Verniedlichung, die durch das –ling entsteht. Es erzeugt eine (von mir) sogenannte Na-wo-ist-er-denn-Haltung.

Das spiegelt auch unser Selbstverständnis und die globale hierarchische Struktur in unserem Denken wider: Der überlegene Westen stellt sich ökonomisch und politisch an oberste Stelle und die Bittsteller werden (auch sprachlich) klein gemacht. Solche Verniedlichungen erschweren eine Kommunikation auf Augenhöhe, wie sich in sozialen Medien immer wieder auf erschreckende Weise gezeigt hat.

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Flüchtlinginnen als Unmöglichkeit

Die Endung –ling ist aber nicht nur verniedlichend und verharmlosend, sie ist noch dazu ein ausgewachsener Macho: Sie ist eine rein maskulines Suffix und lässt daher keinen Raum für eine Bezeichnung flüchtender Frauen. Das stimmt mit der Überzeugung überein, dass die meisten Flüchtlinge ohnehin nur „junge, testosterongesteuerte Männer“ sind, wie die Bild-Zeitung den Bundesvorsitzenden der deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt in einem Artikel vom 11. Oktober 2015 zitiert. Auch bei den rechten Mini-Protesten in Spielfeld sah man Plakate, die in diese Richtung abzielten.

Die Männer werden so auf ihre hormonelle Zusammensetzung reduziert und fast schon wie Tiere dargestellt. Und das spiegelt sich wiederum in der Sprache: Der Ausdruck testosterongesteuert in Verbindung mit Flüchtling erlebt einen starken Aufwind, charakterisiert die Flüchtlinge als unkontrollierbar, als seien sie nicht Herr ihrer selbst. Flüchtlinge werden damit auch oft als fremdgesteuert inszeniert—ob von ihren Hormonen oder den USA sei dahingestellt.

Sprache ist Bewusstsein und Sprache ist Macht. Daher lohnt es sich, Begriffe auf ihre Hintergründe zu hinterfragen, um sich vor Polithetze zu schützen.

Diese Panikmache vor einer überwiegend männlichen, animalischen Masse geht Hand in Hand mit dem rein maskulinen Begriff Flüchtling: Männermassen eignen sich zur Panikmache eben viel besser als Frauenmassen. Man könnte jetzt natürlich, wie die meisten Gender-KritikerInnen, damit argumentieren, dass Flüchtling als Begriff beide Geschlechter umfasst. Dem kann ich allerdings entgegenhalten, dass sich im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm tatsächlich ein einziger Beleg für eine weibliche Form des Wortes findet, und zwar Flüchtlingin—klingt komisch, ist aber so.

Flüchtling als Tabuwort

Heißt das jetzt, dass der Begriff Flüchtling ein Tabu ist und als ethisch fragwürdig eingestuft werden sollte? Bin ich ein schlechterer Mensch, weil ich von Flüchtlingen und nicht von Geflüchteten oder Geflohenen oder Refugees spreche?

Die Antwort auf diese Fragen ist ganz klar: Nein. Der Begriff Flüchtling taucht nach wie vor auch in neutraler und positiver Färbung auf. Wichtig ist nur, dass man sich bewusst wird, welche Mechanismen beziehungsweise welches Potential zur Bewusstseinslenkung in dem Wort und seiner Struktur verankert sind. Denn gerade durch die Brisanz der Flüchtlingssituation in den letzten Monaten ist der Begriff des Flüchtlings sicher auch politisch instrumentalisiert.

Vielleicht fällt uns seine negative Färbung auch erst jetzt stärker auf, weil wir ihn zurzeit vermutlich öfter verwenden als je zuvor. Sprache ist Bewusstsein und Sprache ist Macht: Das, was wir mit unserer Sprache ausdrücken, bestimmt also unser Denken und Handeln. Daher lohnt es sich meiner Meinung nach immer, bestimmte Begriffe auf ihre Hintergründe zu hinterfragen, weil man sich so viel besser vor unterschwelliger Polithetze schützen kann.

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NewsRaider.de

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